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Mohrenstraße? - Nettelbeckufer? Geht das heute noch? Straßennamen: Geschichte - Kontexte - Konflikte - Einzelansicht

  • Funktionen:
Grunddaten
Veranstaltungsart Seminar Langtext
Veranstaltungsnummer 198918 Kurztext
Semester SS 2022 SWS 2
Teilnehmer 1. Platzvergabe 15 Max. Teilnehmer 2. Platzvergabe 20
Rhythmus keine Übernahme Studienjahr
Credits für IB und SPZ
E-Learning
Hyperlink
Sprache Deutsch
Belegungsfrist Zur Zeit keine Belegung möglich
Abmeldefristen A1 - Belegung ohne Abmeldung    21.02.2022 09:00:00 - 05.04.2022 08:29:59   
Nach Zulassung ist eine Abmeldung nur durch die Dozierenden möglich.
A2 - Belegung mit Abmeldung 2 Wochen    05.04.2022 08:30:00 - 25.04.2022 23:59:59   
Nach Zulassung ist eine Abmeldung auch durch die Teilnehmenden möglich.
A3 - Belegung ohne Abmeldung    26.04.2022 00:00:01 - 22.08.2022 07:59:59   
Nach Zulassung ist eine Abmeldung nur durch die Dozierenden möglich.
Termine Gruppe: 0-Gruppe iCalendar Export für Outlook
  Tag Zeit Rhythmus Dauer Raum Lehrperson (Zuständigkeit) Status Bemerkung fällt aus am Max. Teilnehmer 2. Platzvergabe
Einzeltermine anzeigen Mo. 10:00 bis 12:00 w. 11.04.2022 bis
11.07.2022
Fürstengraben 1 - SR 163 Herold-Schmidt, Hedwig Dr. phil. ( verantwortlich ) findet statt  
Gruppe 0-Gruppe:



Zugeordnete Person
Zugeordnete Person Zuständigkeit
Herold-Schmidt, Hedwig , Dr. phil. verantwortlich
Zuordnung zu Einrichtungen
Seminar für Volkskunde und Kulturgeschichte
Inhalt
Kommentar

Bachelor

BA_KG 2 B, BA_KG 4 B

Master

MKG 3 B, MKG 4 B, MWKG

Mohrenstraße? Darf man das noch so sagen oder schreiben? Setzt man dadurch nicht auf sprachlicher Ebene Ausgrenzung und Unterjochung fort? Ist nicht vielmehr von M*-Straße zu sprechen, zumindest bis die sprachlichen Spuren getilgt bzw. der Straßenname ersetzt wurde? Seit einiger Zeit treten an vielen Orten meist zivilgesellschaftliche Initiativen an die Öffentlichkeit, die vehement das Verschwinden von Straßennamen fordern, die mit negativ bewerteten Ereignissen oder Personen der Vergangenheit, insbesondere mit der Gewaltgeschichte des Kolonialismus, Imperialismus und Rassismus, verbunden sind. International wird diskutiert, ob man etwa nach Sklavenhändlern oder Sklavenbesitzern benannte Straßen umtaufen muss. Der „Erinnerungsweltmeister Deutschland“ mit seiner lange Zeit international als vorbildlich gepriesenen Aufarbeitungs- und Erinnerungspolitik von Nationalsozialismus und Holocaust – so häufig die Argumentationen v. a. aus postkolonialer Perspektive – habe hier kläglich versagt. Es herrsche vielmehr immer noch ein einseitig weißer Blick auf die Kolonialgeschichte und eine gewaltgesättigte Erinnerungskultur, die weiterhin ausgrenze. Und auch eine mehr oder weniger direkte Verbindung vom Kolonialismus zur Gewaltgeschichte des Dritten Reiches findet sich in vielen aktuellen Kontroversen. So steht bei den Umbenennungsdebatten vor allem der Vorwurf der mangelnden Aufarbeitung von Kolonialismus und Rassismus und die Forderung nach einer multiperspektivischen Erinnerungspolitik im Raum.

Namen von Straßen und Plätzen markieren im Sinne des Gedächtnistheoretikers Pierre Nora Gedächtnislandschaften, d. h. identitätsstiftende, symbolträchtige (städtische) Räume. Sie sind zweifelsohne wichtige Medien der Erinnerungspolitik; an sie koppeln sich die in der jeweiligen Gegenwart dominierenden Interpretationen und Wertungen der Vergangenheit. Straßenbenennungen und Umbenennungen spiegeln die jeweils vorherrschenden Interessen und Machtverhältnisse wider und fungieren damit als Medien der Integration bzw. der Exklusion. Der öffentliche Raum in seiner Memorialfunktion ist eine hochpolitische Angelegenheit.

Wir wollen in diesem Seminar ausgehend von den neueren Debatten in der Öffentlichkeit und vielfältigen zivilgesellschaftlichen Projekten und Initiativen der Geschichte der Straßennamen und den Umbenennungen von Straßen und Plätzen in der Geschichte nachgehen. Obwohl es manchen als eine relativ aktuelle Kontroverse erscheinen mag, ist dies schon seit über 200 Jahren ein heiß umstrittenes Thema.

Hier bildet die Französische Revolution einen wichtigen Einschnitt. Zuvor sagte ein Straßenname entweder etwas über die Eigenschaft (Lange Straße) oder über den Bezug zu bestimmten Gebäuden (Rathausplatz) oder die Lage zu Nachbarorten (Erfurter Str.) aus. Nun wurden im öffentlichen Raum Werte (Liberté) oder Helden der Revolution geehrt, in gewisser Weise „Ehrennamen“ vergeben, eine Praxis, die sich dann in ganz Europa verbreitete. Der öffentliche Raum wurde zum Memorialraum und erfüllte eine wichtige Funktion für das kollektive Gedächtnis. Man hat auch von einem begehbaren Museum gesprochen. Von wenigen Ausnahmen abgesehen entscheiden hier vor allem die Kommunen, wer oder was als erinnerungswürdig ausgewählt wird. Aus der Geschichte der Straßennamen einer Stadt kann man die Geschichte des Selbstbildes derselben ablesen.

Vor allem die Diktaturen des 20. Jahrhunderts machten von dieser Praxis ausgiebigen Gebrauch, von Hitler, Mussolini, Stalin und Franco bis zum SED-Regime in der DDR. Umso heftiger wurde im Kontext der Denkmalstürze nach dem Ende dieser Regime auch über Umbenennungen gestritten, Konflikte, die zum Teil noch andauern, wie etwa im spanischen Fall nach der Franco-Diktatur, die 1974 endete. Auch in den östlichen Bundesländern, ja im gesamten ehemaligen Ostblock, entstand nach 1989/90 eine vielstimmige öffentliche Debatte, in der es nicht zuletzt auch um die Wiederaneignung des öffentlichen Raums durch die Bürger ging.

Gegenstand dieses Seminars soll die wechselvolle Geschichte der Straßennamen seit dem 18. Jahrhundert sein. Wir fragen nach der Funktion dieser scheinbaren Nebensächlichkeiten für das kommunikative und das kulturelle Gedächtnis sowie nach den unterschiedlichen Motivlagen und Rahmenbedingungen, die in umstrittenen Konstellationen entweder für Beibehaltung oder Veränderung sprachen. Was soll, was kann mit Umbenennungen erreicht werden? Ist Nichtumbenennung heutzutage immer gleichzusetzen mit Fortschreibung von Gewalt- und Unrechtsgeschichte, ist Umbenennung umgekehrt Ausdruck von globaler Gerechtigkeit? Welche Debatten werden geführt, welche Vorschläge diskutiert? Erhaltung des „historischen Erbes“ im öffentlichen Raum durch Kontextualisierung und Anbringung von Zusatzschildern? Die Denkmalpflege etwa plädiert mehrheitlich dafür, „überholte“ Bezeichnungen als Symbole und Manifestationen eines nicht mehr selbstverständlichen Wertesystems zu erklären und kontextualisieren.

Literatur

Einführende Literatur: Dietz Bering u. a.: Wegbeschreibungen. Entwurf eines Kategorienrasters zur Erforschung synchroner und diachroner Straßennamenkorpora, in: Zeitschrift für germanistische Linguistik 27 (1999), S. 135-166. Elisabeth Fuchshuber-Weiß: Straßennamen, in: Ernst Eichler u. a. (Hrsg.) Namensforschung. Ein internationales Handbuch, Bd. 2, Berlin/New York 1996, S. 1468-1475. Birgit Nemec (Hrsg.): Geschichtspolitik im öffentlichen Raum, Göttingen 2019. Matthias Frese (Hrsg.): Fragwürdige Ehrungen!? Straßennamen als Instrument von Geschichtspolitik und Erinnerungskultur, Münster 2012. Matthias Frese/Marcus Weidner (Hrsg.): Verhandelte Erinnerungen. Der Umgang mit Ehrungen, Denkmälern und Gedenkorten nach 1945, Paderborn 2018. Dietz Bering: Straßennamen, in: Nicolas Pethes/Jens Ruchatz (Hrsg.): Gedächtnis und Erinnerung. Ein interdisziplinäres Lexikon. Reinbek bei Hamburg 2001, S. 567–568. Reuben Rose-Redwood/Derek Alderman/Maoz Azaryahu: Geographies of Toponymic Inscription: New Directions in Critical Place-Name Studies, in: Progress in Human Geography 34/4 (2010), S. 453–470. Derek H. Alderman/Maoz Azaryahu/Reuben Rose-Redwood (Hrsg.): The Political Life of Urban Streetscapes. Naming, Politics, and Place, Abingdon u. a. 2017. Lawrence D. Berg/Jani Vuolteenaho (Hrsg.): Critical Toponymies. The Contested Politics of Place Naming, London/New York 2016. Gudrun Gersmann: Straßennamen und Revolutionsrezeption. Der Streit um die Straßennamen. Städtische Gedenkpolitik zwischen Französischer Revolution und Dritter Republik, in: Gudrun Gersmann/Hubertus Kohle (Hrsg.): Frankreich 1848-1870. Die Französische Revolution in der Erinnerungskultur des Zweiten Kaiserreiches, Stuttgart 1998, S. 43-57. Günther Lottes: Damnatio historiae. Über den Versuch einer Befreiung von der Geschichte in der Französischen Revolution, in: Winfried Speitkamp (Hrsg.): Denkmalsturz. Zur Konfliktgeschichte politischer Symbolik, Göttingen 1997, S. 22-48. Ulrike Capdepón: Challenging the Symbolic Representation of the Franco Dictatorship: The Street Name Controversy in Madrid, in: History and Memory 32 (2020), S. 100-130. Toni Morant i Arino: Straßennamen als Politikum: Der Fall Spaniens nach der Diktatur, in: Birgit Nemec (Hrsg.): Geschichtspolitik im öffentlichen Raum, Göttingen 2019, S. 83–110. Johanna Sänger: Heldenkult und Heimatliebe. Straßen- und Ehrennamen im offiziellen Gedächtnis der DDR, Berlin 2006. Maoz Azaryahu: Street Names and Political Identity: The Case of East Berlin, in: Journal of Contemporary History 21 (1986), 4, S. 581–604. Gottfried Korff: Namenswechsel – Volkskundliche Anmerkungen zur „Politik“ der Straßenumbenennungen in der ehemaligen DDR, in: Österreichische Zeitschrift für Volkskunde 95 (1992), S. 321–338. Marion Werner: Vom Adolf-Hitler-Platz zum Ebertplatz. Eine Kulturgeschichte der Kölner Straßennamen seit 1933, Köln u. a. 2008. Dietz Bering: Die Kulturgeschichte von Straßennamen. Neue Perspektiven auf altem Terrain, gewonnen am Beispiel Köln., in: Muttersprache 104 (1994), 2, S. 97–117. Axel Dunker/Thomas Stolz/Ingo H. Warnke (Hrsg.): Benennungspraktiken in Prozessen kolonialer Raumaneignung, Berlin/Boston 2017. Joshua Kwesi Aikins/Rosa Hoppe: Straßennamen als Wegweiser für eine postkoloniale Erinnerung in Deutschland, in: Susan Arndt/Nadja Ofuatey-Alazard (Hrsg.): Wie Rassismus aus Wörtern spricht. (K)Erben des Kolonialismus im Wissensarchiv deutscher Sprache. Ein kritisches Nachschlagewerk, Münster 2011, S. 521–537.

Bemerkung

Voraussetzung für den Erwerb von Leistungspunkten: Die Modulprüfung besteht in der Abfassung einer Hausarbeit. Für Masterstudierende ist ein Referat im Seminar verpflichtend. Erwartet wird die regelmäßige, aktive Teilnahme.

Bemerkungen: Referate für das Modul „Fachspezifische Schlüsselqualifikationen FSQ“ im Bachelorstudiengang sind möglich.

Strukturbaum
Keine Einordnung ins Vorlesungsverzeichnis vorhanden. Veranstaltung ist aus dem Semester SS 2022 , Aktuelles Semester: WiSe 2022/23

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